Allgemein,  Geschrieben.,  Novemberprojekt

Das Wort „Ende”. Und ein Song.

I close gently in my hand what I intend to keep …”

Chamber – L’Orchestre de Chambre Noir: Toscana

Ich werde diese Zeile, diesen Song – in der „Once in a Lifetime”-Liveversion zusammen mit ASP aus 2006 – wohl für immer mit dem Wort „Ende” unter dem Novemberprojekt assoziieren. Dabei war der Song nicht einmal auf der Schreib-Playlist des Romans.

Und heute höre ich ihn besonders gerne. Denn genau heute vor einem Jahr habe ich dieses kleine, bedeutungsvolle Wort unter dieses Manuskript gesetzt, begleitet von dieser Melodie und diesen Worten.

Doch von … nicht ganz von vorne, nein, nicht heute. Aber ein paar Schritte zurück.

Im Mai 2019 wurde mir klar, dass es der Monat sein würde, in dem ich nach anderthalbjähriger Schreib-Zeit die Rohfassung des Romans beenden würde. Das letzte Puzzleteil für den Showdown fiel etwa Mitte des Monats an seinen Platz und musste nur noch geschrieben werden. Ich hatte mir vorgenommen, für die letzten Seiten in „Schreib-Klausur” zu gehen, weg von meinem Alltag, allem Gewohnten. Diesem Moment den Rahmen schenken, den er verdiente. Ich versuchte, eine schöne kleine Ferienwohnung an meinem Lieblingsort am Bodensee zu finden, es lief dann jedoch auf einen anderen Herzensort hinaus. Tübingen. Die Wohnung von Mutter und Stiefvater. „Das wird wunderbar. Du schreibst, wir werkeln und zwischendrin treffen wir uns in der Küche.”

Ausnahmsweise war das sogar noch besser als alleine sein.

„The perfume from the cut makes me ache …”

Es waren drei Tage, die besonderer und passender nicht hätten sein können. Ich verbrachte bemerkenswert viel Zeit damit, nicht zu schreiben. Und trotzdem – nein, nicht trotzdem, gleichzeitig – zog ich durch. Biss mich durch. Reiste in drei Tagen durch Euphorie, Schockstarre, Selbstzweifel und wieder zurück. 

Erst heute habe ich zum ersten Mal gezählt, wie viele Wörter es waren, um die das Manuskript in diesen drei Tagen angewachsen ist: 8.821 Wörter. Für mich ein unglaubliches Pensum – ungefähr „normal” waren im Novemberprojekt zwischen 200 und 500 Wörtern am Tag, an sehr guten Tagen auch mal bis zu ~2-3 k. Das während der Schreibklausur war eine andere Hausnummer. 

Und verflucht, war es intensiv. Verflucht war es emotional.

Am letzten der drei Tage schrieb ich den letzten Schwung einfach durch, bis zum großen Knall und der Auflösung. Ich habe es schon damals so ausgedrückt: Ich glaube, mein Hirn ist heißgelaufen. Denn genau danach hat es sich angefühlt, als ich nach diesem frenetischen Rausch wieder auftauchte. Ich hatte Kopfschmerzen und mein Kopf fühlte sich an, als steckte er in einer unglaublich warmen Nebelwolke.

Und dann steht da plötzlich dieses Wort unter dem Manuskript

Ich brauchte erst einmal eine Pause, einen Kaffee, ein Stück Kuchen. Nicht viel reden.

Und danach ging es für ein letztes Mal während dieser Schreib-Klausur ins Dokument. Der Epilog stand bereits, ihn hatte ich bereits Monate zuvor geschrieben. Es fehlte nur noch die letzte Szene zwischen Showdown und Epilog. Ich saß lange vor dem Dokument und starrte es an. Plötzlich hatte ich Angst, es doch noch zu versauen, auf den letzten Metern. Genau jetzt nicht die richtigen Worte zu finden.

Ich brauchte eine andere Stimmung als für den Showdown. Ich brauchte mehr Licht. Und dann fiel mir Chambers „Toscana” ein. Und zwar nicht das Original, sondern genau diese Version, mit Asps Stimme im Hintergrund. Ich packte mir nur diesen einen Song auf die Kopfhörer, in Dauerschleife. Er ließ mich ruhiger werden. Ich schrieb die Zwischen-Szene in weniger als einer Stunde. Scrollte bis ans Ende des Epiloges. 

Setzte die bedeutungsvollen vier Buchstaben darunter.

„I close gently in my hand what I intend to keep …”

Und dann war es geschehen. Das war der Moment, in dem ich das Novemberprojekt beendete. (Die Rohfassung zumindest.) Begonnen als „kleines Zwischenprojekt”, um mir selbst zu beweisen, dass ich auch etwas beenden kann. Ich hatte noch nie zuvor einen Roman beendet. (Angefangen, oh ja. Mehrmals.) Bis zu genau diesem Moment.

Und da saß ich, den Laptop auf dem Schoß, „Toscana” noch immer auf den Ohren, und sah es einfach nur an, dieses Wort. Noch bestimmt fünf, sechs weitere Durchläufe lang. 

Ich brauchte diesen Song einfach, der zwar aus derselben Richtung kommt wie die Inspiration zum Novemberprojekt, aber nichts von jener dunklen Schwere hat. Gelassene Melancholie im starken Kontrast zum Songtext. Leuchtende Leichtfüßigkeit. Bis dann am Schluss Instrument um Instrument verstummt und nur noch die Stimmen bleiben, in wundervoller Harmonie den Refrain erneut wiederholend und erneut … 

Aftercare.

Fast wäre es auf spätestens genau heute hinausgelaufen, dass ich den mehrfach überarbeiteten Roman ins Lektorat gegeben hätte. Jetzt wird es einer der kommenden Tage werden. Dem Innehalten und Zurückblicken und Reflektieren am heutigen Tage tut das keinen Abbruch.

31. Mai 2019 bis 31. Mai 2020. Wir sind ein ganz schönes Stück Weg gegangen, das #Novemberprojekt und ich. Den Rest gehen wir jetzt auch noch.

Und jetzt höre ich „Toscana”. Ein paarmal.

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