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Hashtag: P. V. Brett goes Stuttgart – Lesung und Signierstunde

[English version? Click here!] Peter V. Brett lässt sich bis zum Abgabeschluss Zeit, die gestellte Aufgabe im Kurs “Kreatives Schreiben” zu erledigen. Am Abend ist sie dann plötzlich da: die Geschichte eines Jungen, der sich noch nie weiter von seinem Heimatdorf entfernt hat als wenige Stunden Fußmarsch, bis zu einem Hügel. Dann muss er jedes Mal wieder umkehren, sonst erreicht er sein Zuhause nicht rechtzeitig. Nach Einbruch der Dunkelheit muss jeder wieder in der Sicherheit seines Hauses sein. Dann kommen die Dämonen. Doch der Junge möchte so gerne einmal hinter den Hügel blicken, die Welt dahinter kennenlernen …

Diese Kurzgeschichte wird Peter jahrelang nicht loslassen – und er beginnt selber zu ergründen: Was ist denn nun hinter dem Hügel? Und was hat es mit den Dämonen auf sich, die jede Nacht aus der Erde steigen?

Peter V. Brett bei der Lesung und Signierstunde im Wittwer in Stuttgart
Bildcredit: Selfie, duh …

So beantwortet Peter V. Brett im Buchhaus Wittwer in Stuttgart die Frage danach, wie er auf die Idee zu seinem “Demon Cycle” kam, einer epischen Fantasy-Saga, deren sechster und letzter Band „Die Stimmen des Abgrunds“ jetzt im Heyne-Verlag erschienen ist.

Doch noch einmal einen Schritt zurück.

Ich freue mich seit zwei Wochen auf diese Lesung. Peter V. Brett aus dem Staat New York in den USA auf Lesereise in Deutschland – und er kommt auch nach Stuttgart! Als ich die Ankündigung auf seinem Instagram-Account gesehen habe, habe ich wohl einen kleinen Freudenschrei ausgestoßen. Peter ist auf seinen Social-Media-Kanälen so sympathisch und die ersten drei Bände seiner Reihe habe ich so genossen, dass ich mir die Lesung sofort als Pflichttermin im Kalender notiere.

Ich mache an jenem Freitag früher Feierabend, um rechtzeitig im Buchhaus Wittwer anzukommen. Den Weg vom Stuttgarter Westen in die Innenstadt an den Schlossplatz habe ich jedoch unterschätzt und brauche länger als gedacht. Zum Glück habe ich mich am Nachmittag noch spontan mit Sophia für die Lesung verabredet. Sie ist schon da und hält mir einen Platz frei – sogar ganz vorne, auf einer Art Sofa. Ich freue mich, sie wiederzusehen, es ist viel zu lange her! Und ich schnappe mir direkt die Bände, die mir in der Reihe noch fehlen, und gehe sie an der Kasse bezahlen. (Meine Exemplare daheim habe ich vergessen – ich sage nur: Typisch!)

Es wird warm, die Stuhlreihen füllen sich langsam. Die Wartezeit überbrücken Sophia und ich, indem wir über Bücher quatschen und über das Schreiben. Wir beschließen, dass sie zu der Lesung twittern wird und ich eine Insta-Story mache. Der Hashtag #pvbrettgoesstuttgart ist geboren.

Kurz bevor die Lesung um 18 Uhr losgehen soll, kommt Peter raus, um seine Bücher auf dem Regal zu fotografieren. Das Regal ist hinter dem Tisch, an dem er gleich sitzen wird – folglich steht er unerwartet direkt vor Publikum. Eine schöne kleine Szene – und ein entspannter Autor. Er begrüßt die wartende Menge und sagt, wie sehr er sich freut hier zu sein und dass so viele Menschen gekommen sind. Mit einem leicht verlegenen Grinsen fügt er hinzu: “Ich hatte eigentlich nicht vor, jetzt schon überhaupt was zu sagen. Bis in ein paar Minuten!”

Jetzt freue ich mich umso mehr auf die Lesung! Erst einmal ein Foto in die Story posten, ein bisschen angestaute Energie loswerden. „Waiting for @pvbrett“ Als prompt jemand ganz Bestimmtes auf die Story antwortet, könnte mein Grinsen nicht noch breiter werden. Es ist niemand Geringeres als Peter V. Brett selbst, der schlicht schreibt: “I see you.”

“People die when poetry demands it.”

Endlich kommen Peter und Übersetzer Simon hinaus und es geht offiziell los. Peter kündigt an, dass er selbstverständlich mit höchst fachmännischem Blick so tun werde, als verstehe er jedes Wort, was Simon gleich vorlesen werde. Das gelingt ihm ziemlich gut, wie ich finde. Ich stelle mir vor, wie sich das anfühlen muss, seinen eigenen Text in einer fremden Sprache zu hören. „Surreal“ ist das einzige Wort, das mir dazu einfällt. Die Szene, die Simon vorliest, ist gut gewählt – macht neugierig auf das Buch, ohne zu viel zu verraten. Ich habe ja erst die ersten drei Bände der Reihe gelesen, aber ich stelle zufrieden fest, dass scheinbar alle Hauptcharaktere zumindest bis zu Beginn des letzten Bandes überleben werden. Sorry für den Mini-Spoiler.

Apropos – bevor die Fragestunde losgeht, gibt Peter noch den Hinweis, bitte Spoiler-Fragen zu vermeiden, die Gelegenheit bekommt jeder während der Signierstunde. Ich höre aus allen Fragen und (spoilerfreien!) Antworten immer wieder heraus, dass das mit dem “Alle Hauptcharaktere überleben” wohl nicht lange so bleiben wird. (Ich persönlich drücke vor allem Rojer die Daumen – habe jedoch ein ungutes Bauchgefühl …)

“It might sound cliché, but G.R.R. Martin changed everything! … The good guys don’t need to win!”

Peter bleibt auch während der Fragerunde so locker und herzlich wie schon zu Beginn. (“Stark or Lannister? C’mon, what do I look like?”) Neben inhaltsbezogenen Fragen interessiert es die Leute vor allem, wie und wie ausführlich er plottet. Die Antwort: Sehr ausführlich. Bei der Aussage, dass allein die Outline zu Band 1 zweihundert Seiten gehabt habe und dass er schon da genau gewusst habe, wie der letzte Band endet, bin ich beeindruckt, und zwar sehr.

Umso mehr noch bei der folgenden Anekdote aus seinem Schreibprozess – die mich gleichzeitig zum Schmunzeln bringt. Auch bei einer solch ausführlichen Vorbereitung machen die Charaktere nicht immer das, was sie sollen. An einem bestimmten Punkt am Anfang eines Bandes sollte eine Figur eine Lüge erzählen, auf die sich der gesamte Plot des Bandes stützen würde. Und plötzlich erschien es Peter nicht logisch, dass die Figur so handeln sollte. (“It was as if the actress playing Leesha looked at me and said: I’m not gonna say those lines.”) Was machte die Figur also anstatt zu lügen? Sie platzte mit der Wahrheit heraus. Ich will nicht wissen, was es an Nerven gekostet haben muss, danach den gesamten Plot den neuen Gegebenheiten anzupassen …

“It’s drowning in sugar, course I gotta love it!”

Selbstverständlich reihen Sophia und ich uns in der Signierschlange ein. Ein weiterhin gut gelaunter Peter nimmt sich Zeit für jeden Einzelnen – und das so herzlich, dass selbst das Anstehen in dieser Schlange Spaß macht. Ein Mann hat Peter, der auf seiner Lesereise interessantes “German Food” auf Instagram postet, vom Bäcker einen Amerikaner mitgebracht und Peter beißt sofort begeistert hinein. Bei Spoiler-Fragen drehen sich die vorne in der Schlange stehenden Leute entsetzt weg und halten sich summend die Ohren zu. Sophia und ich kommen inzwischen mit den drei Mädels vor uns ins Plaudern – und stellen fest, dass sich hier tatsächlich eine kleine Gruppe von jungen Schreibbegeisterten getroffen hat.

So stellt auch jede, die an der Reihe ist, eine schreibbezogene Frage. Peters Antworten sind herrlich motivierend. (“Writer’s block doesn’t exist. Just sit down every day and write, until it becomes a habit. It is going to get easier with time, just like building up a muscle.” — “So it’s a bit like working out?” — “Yeah – you get sore and all, but you gotta keep going …” — “… and then the endorphins kick in.” Ich verstehe genau, was er meint.) Sein „Good luck with your book“, das er vorne in eines meiner Exemplare schreibt, tut sein Übriges.

Bild: L. Nickert

Sophia und ich sind ganz beflügelt und bleiben auch, nachdem wir dran waren, noch eine Weile auf dem Sofa sitzen, noch ein wenig die Atmosphäre tanken. Als wir dann schließlich aufbrechen, können wir uns dennoch nicht ganz losreißen – und verquatschen uns vor dem Wittwer stehend eine Weile. Wir bekommen gar nicht mit, wie lange – bis Peter, Simon und die Leute aus dem Verlag aus der Tür kommen und an uns vorbei in Richtung Bahnhof gehen. Peter lächelt uns im Vorbeigehen zu und sagt “Bye!”

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