Mehr Flow statt Frust: eine Entscheidung

Vermutlich ist es euch schon aufgefallen – auf meinem Blog war es sehr still in den letzten Wochen. Gut, das ist ein Euphemismus. Vermutlich träfe es „stillgelegt“ besser. Das ist symptomatisch für etwas, was sich die letzten Wochen – ach was, Monate! – hinweg angekündigt hat. Dieses Wochenende war wegweisend diesbezüglich, angefangen schon am Donnerstag, der mich kurz in ein ziemlich schwarzes Loch gerissen hat. Und der Weg führte mich zu einer recht schmerzhaften, aber notwendigen Entscheidung. Aber der Reihe nach.

Wie ihr wisst, bin ich Studentin an der Fernuni Hagen, Kulturwissenschaften, Schwerpunkt Literaturwissenschaften. Ein nachträglich so gut wie möglich erfüllter Herzenswunsch. Warum nachträglich und warum „so gut wie möglich“? Der eigentliche Herzenswunsch wäre Germanistik gewesen, direkt nach dem Abi. Mein Leben führte mich in eine andere Richtung und ich studierte zunächst Innenverwaltung, machte mehr schlecht als recht meinen Abschluss als Diplom-Verwaltungswirtin und war vor allem eins: kreuzunglücklich. Vielleicht hätte ich währenddessen abbrechen und mit Germanistik anfangen sollen. Vielleicht hätte auch hinterher ein Zweitstudium der Germanistik geklappt. Wie auch immer. Ich fand, es kommt nur ein Fernstudium für mich in Frage und Kulturwissenschaften mit Schwerpunkt Literaturwissenschaften war meinem Herzens-Studium am nächsten. Ich freute mich riesig, als ich damit anfing und verschlang begeistert die ersten Studienbriefe! Literaturwissenschaften. Ich liebte es von Anfang an. So sehr, dass ich mir vornahm, es trotz Teilzeit-Studium (als ich anfing, arbeitete ich immerhin noch Vollzeit) in der Zeit eines Vollzeit-Studiums zu schaffen.

To make a long story short: Natürlich gelang mir das nicht.

Ich befinde mich jetzt im elften Semester meines Studiums. Zwölf Semester sind die Regelstudienzeit im Teilzeit-Studium, da man es im halben Tempo macht wie ein Vollzeit-Studium, das mit sechs Semestern angesetzt ist. (Stellt euch bei diesem Satz einen erklärenden, geradezu rechtfertigenden Tonfall bei mir vor.) Ich bin neunundzwanzig(einhalb) und Studentin.

„Ja, aber das ist mein Zweitstudium! Und in Teilzeit, das dauert doppelt so lang.“

Seit grob Mitte des letzten Jahres schiebe ich verschiedene Varianten dieser beiden Sätze sofort hinterher, wenn die Sprache auf mein Studium kommt, spüre das dringende Bedürfnis, mich zu rechtfertigen. Nein, ich bin nicht die typische Langzeit-Studentin, die einfach nicht fertig wird! Nein, bei mir ist das anders!

Das hat (meiner Meinung nach, aber so manch einer von außen wird bei diesem Satz trotzdem milde lächeln) nichts mit „Hilfe, ich werde dreißig!“-Panik zu tun. Das hat damit zu tun, dass bei mir schlicht und ergreifend die Luft raus ist. Immerhin studiere ich seit zehn Jahren. Ich habe keine Lust mehr! Ich will fertig werden! Ich will in der Buchbranche arbeiten, und zwar in Vollzeit! Ich will nicht mehr nach Vorstellungsgesprächen nie wieder etwas hören oder abgelehnt werden mit dem Fernstudium als Begründung! Ich will zeigen, was ich kann! Und ich will – natürlich ist auch das ein Faktor! – endlich auch finanziell einen Schritt weiterkommen.

Wenn ich die Prüfungen dieses Semester bestehe, kann ich im nächsten Semester meine Abschlussarbeit schreiben und bin dann genau innerhalb der Regelstudienzeit fertig. Und ich will das unbedingt – ich will kein einziges Semester länger brauchen.

Genau danach sah es am Donnerstag jedoch aus. Die Einzelheiten erspare ich euch – es hat damit zu tun, dass einer der Profs andere Deadlines ansetzt als die Fernuni selber und ich mir das falsch notiert hatte. Die Deadline des Profs zur Themenfindung hatte ich am Donnerstag um einen Tag überschritten.

„Okay, dann machst du eben ein Semester länger, wo ist das Problem?“

Die Fernuni sagt dazu: „Es ist möglich, sein Studientempo selber zu bestimmen; ganz nach seinem eigenen Zeitmanagement und über die Regelstudienzeit hinaus.“

Es wäre also überhaupt kein Beinbruch, länger zu brauchen. Dass ich das nicht will, ist das Problem! Dass ich mich so sehr über mich ärgere, mir diese Deadline falsch aufgeschrieben zu haben. Dass ich einmal richtig gut im Zeitplan lag und es dann trotzdem verbockt habe. Die Verzweiflung, sich auf der Zielgeraden zu wähnen und dann doch eine weitere Runde machen zu müssen. Selbst verschuldet. Ich fühlte mich am Donnerstag wie die letzte Versagerin. Natürlich schrieb ich noch eine geknickte und freundliche Nachricht an den Prof und versuchte mich dann abends mit dem Deutschlandspiel abzulenken, bekam jedoch nur wenig mit. Die erste Halbzeit habe ich durchgeheult.

Am Freitag kam die erleichternde Antwort vom Prof: Es sei ja nur ein Tag gewesen, da könne er ein Auge zudrücken, ich dürfe mein Thema noch absprechen. Es geht also weiter und zwar so, wie ich mir das vorgestellt hatte, ohne weitere Verzögerungen.

Die Verzweiflung, die mich am Donnerstag überkommen hat, hat jedoch wie ein Weckruf auf mich gewirkt. Ab jetzt keine Ablenkungen mehr! Die Prüfungen sind im September. Das ist einerseits genügend Zeit, um mich gut (!) darauf vorzubereiten. Und andererseits sind es auch nur drei Monate.

Was hat das jetzt mit meinem Blog zu tun?

Warum erzähle ich das euch? Wozu all das Mimimi?

Es hat damit zu tun, dass mir der Spaß am Studium abhandengekommen ist – und ich nach meinem verzweifelten Donnerstag und nach dem nachdenklichen Wochenende tatsächlich der Überzeugung bin, ihn wiederfinden zu können.

Es hat damit zu tun, dass sich im letzten Jahr immer, wenn ich etwas für das Studium machen wollte, der Gedanke dazwischenschob: „Aber ich wollte doch noch bloggen. Aber ich wollte doch noch schreiben.“

Immer, wenn ich mich hinsetzen wollte, um an meinem Roman weiterzuschreiben, die bohrenden Gedanken im Hinterkopf: „Aber ich wollte doch noch was für mein Studium machen. Aber ich wollte doch mal wieder einen Blogbeitrag schreiben.“

Sobald ich das Notizbuch öffnete, um am neuen Projekt 2 zu plotten, das mir mittlerweile richtig viel bedeutet: „Aber was ist mit dem Studium? Was ist mit deinem ersten Roman? Wolltest du nicht noch bloggen?“

Immer, wenn ich eine meiner vielen schönen Ideen für einen neuen Blogbeitrag umsetzen wollte: „Aber ich wollte doch schreiben. Aber mein Roman! Aber die Schreibnacht. Aber der WriYoBo. Aber mein WordCount … Aber mein Studium!“

„Has 100 items on to-do list. Watches the next season of Game of Thrones instead.“

Eine Meisterin im Zeitmanagement zuckt jetzt vielleicht mit den Schultern, strukturiert ihren Tag entsprechend durch und bekommt alles auf die Reihe.

Ich jedoch bin das nicht. Das kann ich mir noch so sehr wünschen – am Ende kann ich nicht aus meiner Haut. Mich überfiel angesichts der vielen „Aber ich wollte doch noch …“s nur eines: Lähmung. Jene Lähmung, über die man manchmal in Tweets und Memes witzelt. Die sich in echt jedoch nicht so richtig witzig anfühlt. Die vielen “Ich wollte doch noch…”s wirkten wie ein gewaltiger Bremsklotz auf mich. Und am Ende machte ich keines davon.

Das tut meinem Studium nicht gut, das tut meinen beiden Romanen nicht gut, das tut meinem Blog nicht gut – und am allerwichtigsten: Das tut mir nicht gut! Ich fühlte mich jedes Mal schwer wie ein Stein.

Ich will das nicht mehr so haben! Ich will vor allem bei den Dingen, an denen mir so viel liegt und an denen mein Herz hängt, nicht denken müssen: „Ich wollte doch noch …“ Bevor das Wollte zum Sollte wird, muss ich die Notbremse ziehen.

Die logische Konsequenz: eine Entscheidung

Da es mir so wichtig ist, das Studium in den nächsten zwei Semestern zu beenden, hat das Vorrang – denn dieses Ziel lässt sich de facto nur jetzt und sofort und in 2016 umsetzen.

Ich werde mir natürlich nicht alles Schöne verbieten. Nur eines, das lasse ich hiermit gehen, streiche es von meiner „Ich wollte doch noch“-Liste.

Das Schreiben. Ausgerechnet das Schreiben.

Vermutlich wird niemand den Unterschied merken, schon gar nicht mein Dokument – denn ich habe dieses Jahr generell schon nicht viel und oft geschrieben. Eine Schnellschreiberin war ich ohnehin noch nie. Aber es nimmt den Druck von dieser eigentlich so geliebten Sache. Ich werde zwar einen meiner Vorsätze für 2016 nicht erreichen, nämlich meinen Roman dieses Jahr zu beenden. Aber das ist nicht schlimm. Ich will frei sein in dem, was ich liebe und was ich tue. Ich will das Schreiben nicht als „Pflicht“ ansehen müssen. Ich will den Flow zurück!

Und es sind nur drei Monate. Es ist nur dieser Sommer. Vielleicht wird es auch noch der Winter. Aber ich gebe es nicht für immer auf. Ich gebe meine beiden Romane nicht auf. Ich will mich ihnen nur zur richtigen Zeit wieder mit vollem Herzen widmen können.

Das bedeutet auch, dass ich aus dem WriYoBo aussteige, was vermutlich niemanden überraschen dürfte. Es ist einfach nicht mehr realistisch für mich – so begeistert ich von dem Event auch zu Anfang war.

Das bedeutet jedoch auf keinen Fall, dass ich mich von euch allen zurückziehe oder aus der Schreibnacht. Ich werde meine neue Aufgabe, die Montagsfrage, ab morgen aufnehmen. Ich hätte das schon vor drei Wochen machen sollen – habe es mir jedoch jetzt ins Handy eingespeichert. Und freue mich darauf!

Ich werde weiter wie gewohnt auf den gewohnten Plattformen herumspringen. Ich werde nicht „weg“ sein – ich werde vielleicht sogar eure Unterstützung brauchen, in Form von Motivations-Arschtritten und echten wie virtuellen Keksen. 😉

Ich werde weiterhin jeder Schreibnacht im Juli, August und September entgegenfiebern. Und ich werde bloggen. Vielleicht nicht unbedingt wöchentlich, aber …

Ich pausiere nur mit dem Schreiben. Und dass ich das so ausführlich ankündige, zeigt, wie schwer es mir fällt. Aber es ist die richtige Entscheidung. Mir jetzt diese Pause zu nehmen sorgt dafür, dass ich meine Energie so in das Studium stecken kann und in die Vorbereitung der Prüfungen, wie sie es erfordern. Das Studium mit der Freude und Begeisterung zu Ende zu bringen, mit der ich es begonnen habe.

Am Schluss verlinke ich euch noch einen Artikel von Edition F, über den ich gestern auf Twitter gestolpert bin, einer Seite, auf der ich immer wieder gerne stöbere. Mehr Flow statt Frust. Ja, das könnte ich wirklich gebrauchen …



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Veröffentlicht19. Juni 2016 von lily in Kategorie "Allgemein", "Geschrieben.

1 COMMENTS :

  1. By Sarah on

    Liebste Lily, wie schade, dass ich so lange nicht mehr hier rein geschaut habe, und diesen Eintrag verpasst habe, als er „frisch“ war!
    Dein Bericht geht mir zu Herzen und ich kann SEHR gut nachfühlen, was du da schilderst – deine Denke und Betrachtungsweise kommt mir einfach irgendwie bekannt vor… Ich glaube auch zu wissen, wie hilfreich dir die schriftliche Zusammenfassung eines inneren Prozesses ist. Tatsächlich hilfreich für die Handlungsebene; right?

    Ich finde, dass du eine kluge Konsequenz aus deinem Dilemma gezogen hast.
    (Und aus heutiger Sicht wissen wir ja obendrein, dass doch noch alles ein gutes Ende genommen hat! ;))

    Ich bin sehr zuversichtlich, dass du dich in nicht allzu ferner Zukunft wieder in Flow und Balance wiederfindest!

    Hab ich eigentlich schon mal erwähnt, dass ich deine Schreibe liebe und sooo gerne deine Blogbeiträge lese??

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